r Lydia - Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
Stefan Jung, Suisse, 2025o
Als Lydia Welti-Escher in Rom ein neues Leben beginnen möchte, ahnt sie noch nicht, dass ihr einflussreiches Umfeld alles daran setzen wird, dies zu verhindern. Die Tochter des Politikers und Wirtschaftsführers Alfred Escher ist eine Gefangene im Korsett gesellschaftlicher Zwänge und Konventionen – und kämpft gleichzeitig für ein selbstbestimmtes Leben als Frau.
Die Schauspielerin Anja Andersen hat eine ruhige, würdevolle Präsenz in den zerfallenden, einst prächtigen Räumen dieses Films. Sie verkörpert Lydia Welti-Escher (1858-1891), Tochter des Zürcher Eisenbahn- und Industriepioniers Alfred Escher und Gattin eines Bundesratssohnes. Die gespenstisch leeren Räume der Drehorte, viele davon ehemalige italienische Nervenheilanstalten, erzeugen eine unheimliche Atmosphäre. Doch Andersen spielt kein Gespenst, sondern einen Geist – und genau das ist der Kern dieses dokumentarischen Hybrids von Stefan Jung. Erzählt wird Lydias Geschichte aus ihrer eigenen Perspektive, anhand ihrer protokollierten Gespräche mit Ärzten in einer römischen Klinik, in die sie nach dem Ausbruch aus ihrer Ehe eingeliefert wurde. Welti-Escher erscheint dabei als gebildete, willensstarke Frau, die sich nicht als Opfer stilisiert. Sie benennt die Grenzen ihrer Zeit, widersetzt sich ihnen und verteidigt ihre Entscheidungen mit Klarheit. Damit wird sie zur modernen Figur, deren Selbstverständnis quer zu den gesellschaftlichen Erwartungen des 19. Jahrhunderts steht. Während ihre Biografie mehrheitlich über ihre Verbindungen erzählt wird – von Alfred Escher über ihren Geliebten, den Kunstmaler Karl Stauffer, bis zum Schriftsteller und Escher-Protégé Gottfried Keller – , interessiert Regisseur Stefan Jung vor allem Lydias eigene Stimme. Die Intimität der Protokolle wirkt dabei fast wie eine Original-Tonaufnahme: unmittelbar, unverstellt, eindringlich. Die Bildwelt aus verlassenen Villen und Anstalten verbindet sich mit den von Judith Hofmann zurückhaltend gesprochenen Texten zu einem schwebenden, tragischen Ganzen. Ergänzt wird das unsentimentale Selbstporträt durch heutige Experteneinordnungen aus Geschichtsforschung und Psychiatrie. Sie schärfen das Bild einer Frau, die ihrer Zeit voraus war und zugleich deren Brutalität ausgesetzt blieb.
Michael Sennhauser
